zu den Törnberichten

     Mit der
     SY "TROUBLE"
     nach Russland.
Die Reise der TROUBLE:

Sonntag, der 20.Juni - es regnet - unser Abenteuer beginnt! Werner, nach einer „kleinen Abschiedsfeier“ in der Hafenkneipe, offensichtlich noch etwas angeschlagen, wird um 7 Uhr aus seinem Erholungsschlaf geweckt. Eine halbe Stunde später legen wir ab, die Sicht ist getrübt und die Wolken hängen tief am Himmel, es ist kühl. Um 8:15 kommt die Brücke von Lindaunis in Sicht, nur sie wird nicht wie vorgesehen und erwartet um 08:45 Uhr geöffnet. So warten wir halt die Stunde im Regen, fest an der gelben Tonne, schließlich haben wir ja „jede Menge Zeit“. Schleimünde bereits hinter uns, segeln wir in Richtung Bagenkop, ändern aber unseren Kurs dann um gleich Fehmarn anzusteuern. Der Wind lässt etwas nach, wir machen immer noch 5 kn Fahrt, die Sonne scheint bis kurz vor dem Ziel eine schwarze Wand aufzieht und ehe wir die Genua gerefft haben, werden wir schon von Blitz und Donner und schwerem Hagel bei kaum mehr Sicht überrascht. Nach einer halben Stunde ist der Zauber vorbei, alsbald auch der Wind und so legen wir die letzten Seemeilen unter Maschine zurück. Im Hafen finden wir einen Platz weit weg von Hafenmeister und den Toiletten dafür mit Strom- und Wasseranschluss. Wir erfreuen uns eines schönen Sonnenuntergangs.
Am nächsten Tag geht es weiter nach Gedser - Sommer soll das sein?! Der Himmel ist grau, Regentropfen fallen und im Boot sind gerade mal 15°C. Nach der Morgentoilette warten wir auf das Seewetter von DP07. Ein durchwachsener Segeltag soll es werden - erst Kaffeesegeln - dann geht die Post ab – später unter Motor.

Dienstag, der 22. Juni. Das Wetter ist durchwachsen aber es regnet nicht. Der Wetterbericht meldet Wind S-SO Stärke 3-4. Nach dem Passieren des Leuchtfeuers können wir unseren Kurs nicht halten. Wir kreuzen auf, Wind und Welle wollen heut gar nicht zusammen passen. Nach weiterem Wetterbericht und Kartenstudium entschließen wir uns direkt nach Ronne/Bornholm zu segeln, es wird Werners erste Nachtfahrt. Vorher wird es noch ein herrlicher Segeltag, allerdings mit wenig Fahrt. Kurz nach Sonnenuntergang erhalten wir dann Besuch von der Küstenwache BG26 , die auf Kanal 6 sich nach Schiff, Eigner und Fahrtziel erkundigt, wobei sie feststellt, dass sich Werner nicht „nach Küste“ anhört und auf seine Antwort, dass er aus Bayern sei auch prompt korrigiert wird, er spreche fränkisch. Noch etwas small-talk, dann verabschieden sie sich und fahren langsam vor uns her bis sie endgültig verschwunden sind. Um 4:30 Uhr geht die Sonne auf, doch Tage, die schön anfangen bleiben selten so und so bestätigt es sich auch diesmal. DP07 gibt um 7:45 eine Windwarnung heraus und die Vorhersage spricht von starkem Wind, 6-7 in Böen 8 Bft. Einem Segler mit gleichem Kurs, vielleicht 3 Stunden voraus, empfiehlt DP07 spätestens gegen Mittag in Bornholm zu sein, ansonsten wird es ungemütlich, für uns aber absolut nicht möglich. Ein Halo erscheint und im Nu ist der wolkenlose Himmel zugezogen und das Sturmtief aus Schottland holt uns schneller ein, als uns lieb ist. Es wird rauh, wir müssen aufkreuzen und die letzten Stunden gestalten sich zur Tortour bis wir endlich in Ronne/Fährhafen einlaufen. Derweilen regnet es, noch ist offen, wie und wann es weitergeht, aber nach 4 Tagen haben wir ja bereits die ersten 220 Seemeilen geschafft und deshalb etwas Reserve. Nach dem Ausschlafen, ausgiebigem Duschen und Frühstück brechen wir ins Städtchen auf. Zuerst besuchen wir den Yachthafen und holen dort den Wetterbericht ein – schlechte Prognosen – heute und morgen Sturm. Dazu Regen, wie jetzt auch, also haben wir auf Bornholm erst mal 2 Tage Pause. Anschließend machen wir einen Stadtrundgang - wunderschön - und kaufen Postkarten. Es folgt ein Cafébesuch zum Schreiben der Karten und zum Abwarten einer Regenpause. Im Fischladen am Hafen kaufen wir Dorsch zum späten Mittagessen, es regnet immer noch. Abends laufen Toni und Klaus total erledigt und durchnässt auf einem gecharterten Folkeboot ein, unter Segeln, da bei dieser See der Außenborder im wahrsten Sinne des Wortes ersoffen war und streikte. Offensichtlich hatte der schwedische Wetterbericht keine Sturmwarnung ausgegeben, sonst wären die beiden nicht los gesegelt. Es wird ein lustiger Erzählabend.
Am Morgen strahlender Sonnenschein, zwei Stunden später ist der Himmel wieder bedeckt und Regen kündigt sich an – Hafentag 2. In der Stadtbibliothek werden wir Emails los, danach geht’s ins Café. Frisch gestärkt erkunden wir die Peripherie von Ronne. Das Meer braust und stürmt, meterhohe Wellen brechen sich an Strand und Felsen. Um 21 Uhr haben uns die beiden Segler eingeladen, sie spendieren eine Flasche Rotwein.

Samstag, der 26. Juni. Wind W 5-6 – wir entschließen uns um 10:45 Uhr nach Polen auszulaufen, 132 Seemeilen liegen vor uns. Die hohe Welle macht uns etwas Kummer, der Wind steht genau auf die Hafenausfahrt, hoffentlich können wir sicher passieren! Alles klappt, nachdem die Südhuk querab liegt können wir Kurs auf Wladyslawowo/Polen anliegen. Mit gereffter und ausgebaumter Genua surfen wir auf den achterlichen Wellen und machen ordentlich Fahrt. Wir sind schon froh, dass es nicht regnet, gegen Abend kann im Westen so etwas wie eine Aufhellung am Horizont beobachtet werden. Um 22 Uhr beginnt die 2. Nachtfahrt, außer einem auf Gegenkurs gegen den Wind ankämpfenden Segler ist kein Schiff zu sehen, wir queren eine „Wasserwüste“. Das wird ab Mitternacht anders, die ersten Lichter von Handelsschiffen tauchen auf. Diejenigen auf Gegenkurs ändern deutlich ihren Kurs, um den armen Segler mit der wild schwankenden Dreifarbenlaterne nicht nieder zu mangeln. Der Morgen graut, die Bewölkung reißt auf, am Tag ist wieder die Sonne zu sehen, was die Stimmung deutlich hebt. Um 7 Uhr kommt die pommersche Küste in Sicht, recht flach, bewaldet, ab und zu ein nicht mehr brennender Leuchtturm. Unser Kurs 90°, wir nähern uns asymptotisch unserem heutigen Ziel, Wladyslawowo am Beginn der Halbinsel Hel. Um 13 Uhr haben wir die Hafeneinfahrt erreicht und finden einen Fischereihafen mit vielen vor sich hinrostenden Fischerbooten vor und einen kaum belegten Yachtschwimmsteg. Die Hafenformalitäten sind schnell erledigt und der Gebührenkassierer kommt auch schon: „nix panimajo“. Dafür will er erst überzeugt werden, dass nur 3,61 € umgerechnet der 20 Slt nach seiner Liste verlangt werden können und nicht 5 €, wie er uns wortreich erklärt. Wir einigen uns auf 4 €, im Vergleich zu den bisherigen Hafengebühren ist das immer noch geschenkt. Toiletten und Duschen sind okay, wenn man von den Öffnungszeiten mal absieht. Für den Elektroanschluss werden hier Stecker mit Erdungsstift benötigt, wir dürfen an eine von einem anderen Segler anschließen. Nachmittags machen wir ein Schläfchen bis 17 Uhr in der Sonne bei kaltem Westwind. Wir liegen am Schwimmsteg durch eine hohe Mauer gut geschützt. Später finden wir ein Restaurant, in dem Euros angenommen werden und - zu unserer Überraschung die Bedienung auch deutsch spricht. So bestellen wir Dorschfilet – nicht sehr groß und nicht sehr frisch – mit Kartoffeln bzw. Pommes, dafür sehr preiswert! (mit Getränk zusammen 11€, da ist es verständlich, dass die Polen Angst vor der preistreibenden EU haben).
So etwas gab es schon eine Woche nicht. Es ist wenig Wind, aber das nächste Tief kündigt sich mit Cirren und Stratuswolken schon an. Mal hören, was der Wetterbericht meldet.

Montag, der 28. Juni - die Sonne scheint, es weht mäßiger Wind. Wir diskutieren, ob wir aufbrechen sollen oder nicht, das Wetter ist nicht schlecht, aber der polnische Seewetterbericht gibt eine „near-gale-warning“ heraus und meldet Wind mit 7Bft aus W – 110 Seemeilen ohne einen Hafen anlaufen zu können liegen vor uns, auch das Einlaufen in den Seekanal, um den Hafen in Klaipeda zu erreichen, ist bei diesen Bedingungen laut Hafenhandbuch nicht empfehlenswert. Wir beschließen nicht auszulaufen. Ich mache einen größeren Erkundungsgang und versuche, das Polnische erratend, auf dem Bahnhof Fahrkosten und Zugverbindungen nach Danzig und Wechselkurs wie Umtauschmöglichkeiten von € nach Sloty zu klären, was mir auch leidlich gelingt. Werner schlüpft in der Zwischenzeit in die Rolle des perfekten Hausmannes und säubert das Schiff von dem Kraftwerksausstoß in Ronne. Anschließend lernen wir Ute und Peter kennen, die uns auf Ihr Schiff zu einem Geburtstagsbier einladen, weitere Schiffe sind eingetroffen, auch Fritz aus Brodersby, die Pier ist jetzt voll besetzt. Da der Wetterbericht immer noch keine besseren Bedingungen meldet, sind wir auch morgen noch hier und wollen den Tag nutzen um Danzig mit der Bahn zu erreichen.
Am nächsten Tag Sonnenschein, der Wetterbericht aber noch kritisch, also Aufbruch nach Danzig über Gdingen, von dort mit der S-Bahn und einer 2. Fahrkarte nach Danzig.
Die Altstadt bietet einen überwältigenden Eindruck und macht deutlich, was Deutschland vor dem letzten Krieg für Einfluss gehabt hatte. Der Bahnhof und viele Kirchen außer dem Mariendom haben charakteristische Turmhelme. Im Mariendom ist noch vieles Original (deutsch), nur die Fenster sind moderner. Hier ist die deutsche Vergangenheit am deutlichsten erkennbar, in der Altstadt längs der Motlau mit Krantor erinnert noch vieles an die Hansezeit. Im Lokal „Goldwasser“ nahe dem Krantor geben wir den, nach Fahrkartenkauf für Hin- und Rückfahrt, übrig gebliebenen Rest unseres getauschten Geldes für Kaffee und Kuchen aus. Die Renaissance-Bürgerhäuser sind größtenteils mit Bemalungen oder Skulpturen geschmückt. Danzig ist eine lebendige Stadt, auffallend gegenüber unserer Stadtbevölkerung im Durchschnitt 20 Jahre jünger. Auf der Motlau - Insel gegenüber der Altstadt sind noch die Kriegsruinen wohl als Mahnmal zu sehen. Bei Fahrt über Land sind die dünne Besiedlung und die großen Brachlandflächen auffallend. Zum Abschluss dieses erlebnisreichen Tages gibt es Spaghetti als Äquivalent zu Werners Begeisterung für diesen Stadtbesuch. Der Wermutstropfen des Tages: im polnischen Wetterbericht wird erneut Sturmwarnung durchgegeben, also noch ein weiterer Tag ohne weiter nach Osten zu kommen.

Mittwoch, der 30. Juni. Weitere 2 Hafentage liegen hinter uns. Bezüglich unserer Weiterreise sind wir noch unentschlossen. Wenn ich den Übersegler betrachte und die noch vor uns liegende Strecke, kann ich kaum glauben unser Ziel jemals in der geplanten Zeit zu erreichen. Zweifel tauchen auf! Fritz besucht uns auf der Trouble und hat gegen ein Bierchen nichts einzuwenden. 16:00 Uhr, nach dem Ausklarierungsprozedere legen wir ab und brechen auf nach Klaipeda. Skeptische Blicke verfolgen uns beim Auslaufen. Die Überfahrt gestaltet sich zu einer Berg- und Talfahrt. Es ist schon beeindruckend, wenn das Boot im Wellental versinkt, die nächste Welle sich in respektabler Höhe dem Cockpit nähert, dann gerade noch eben unter dem Schiff verschwindet um wild schäumend wieder aufzutauchen. Die Sonne versinkt langsam im Meer, der Vollmond beleuchtet die abnehmenden Wellenhöhen, der Wind, bisher Stärke 5 – vorhergesagt war 7! – nimmt auf 3-4 ab, was die Wellen besänftigt, unsere Fahrt jedoch verlangsamt.
Die Morgensonne verheißt ja nichts Gutes und richtig, die aufziehenden Cirren und Schäfchenwolken kündigen schon die Wetterverschlechterung an, es beginnt zu nieseln. Dafür zeigt sich gegen 15 Uhr die Küste, markiert durch viele hohe Schornsteine. Mit ausgebaumter Genua erreichen wir die Ansteuertonne und die mit viel Schwell versetzte Einfahrt in den Seekanal. Klaipeda/Memel ist ein sich längs des Seekanals erstreckender, langer und farbenfroher Hafen, dessen an Dinosaurier erinnernde, vielfarbigen Verladekräne zu diesem Eindruck wesentlich beitragen. Nach einiger Zeit nähert sich in rasender Fahrt ein von einem Uniformierten gesteuertes Schlauchboot, das uns zur Grenzabfertigung leitet. Die Einklarierung ist reine Formsache – Ausweis zeigen, ein Formblatt mangelhaft ausfüllen – und wir können zur Marina am gegenüberliegenden Ufer ablegen. Hier liegen nur wenige Boote, aus Deutschland sind wir die einzigen. Die Nationale wird gehisst! Strom, Wasser, Duschen ohne Münzen, alles zur Zufriedenheit. Das braucht es auch nach den 110 Seemeilen bei starkem Seegang. Übrigens ist der Hafen hier ein teures Pflaster. Für 10 m Schiffslänge werden 40 Ltv + 6 Ltv für die Besatzung verlangt. Dass dafür das Duschen nichts extra kostet, mildert den aufkommenden Groll auf den gegenüber den polnischen Preisen recht hohen Betrag (~15 €) nicht besonders. In der Nacht gibt es einen Wolkenbruch, am Morgen Nieselregen und grauen Himmel. Heute steht der Besuch von Klaipeda/Memel auf dem Programm und damit die Notwendigkeit eines Geldtausches. Etwas Benzin möchten wir auch nachtanken. Die Uhr ist um 1 Stunde vor zustellen. Um 11:30 Uhr Ortszeit setzen wir mit einer Fähre an das andere Ufer über um dem alten Memel einen Besuch abzustatten. Nur ein von einem Wassergraben umgebener Hügel zeigt den ehemaligen Platz der alten Festung an. Auch hier ist - wie in Polen - großer Markt. Die Preise für den täglichen Bedarf liegen bei ca. 60% der unsrigen. Vor dem stark ramponiertem Theater steht das Denkmal für Simon Dach mit dem „Ännchen von Tharau“. Silchers Melodie zu dieser Dichtung wird von einem Mädchen für die Touristen auf der Flöte gespielt. Um den Vorplatz herum haben die Bernsteinhändler ihre Stände mit Schmuck für die mit Kreuzfahrtschiffen anreisenden Touristen, Euros werden gern angenommen. In der inzwischen hervorgekommenen Sonne sitzen wir im Freien vor einem „Kava“ und nehmen Kaffee bzw. Tee mit einem „Festpuddingkuchen“ zu uns.
Morgens um 4 Uhr Ortszeit stehen wir auf. Nach einem „Notfrühstück“ laufen wir zum Zoll- und Ausklarierungssteg, wir haben uns für 5:00 Uhr angemeldet. Es regnet nicht, im Gegenteil wolkenloser Himmel, was nach unseren bisherigen Wettererfahrungen nicht unbedingt auch ein schöner Tag werden muss. Warten, es ist außer uns kein Mensch zu sehen. Um 7 Uhr meldet ein schwedischer Segler sein Kommen und siehe da, auch die Zollbeamten erscheinen in Form von wenig ausgeschlafen und informiert wirkenden Männlein und Weiblein, letztere mit einem Computer, den sie aber nur wenig strapaziert. Um 7:30 Uhr kommen wir endlich über den Seekanal auf ein bewegtes Meer mit 5er Wind. Wir segeln nach Liepaja/Lettland und erreichen bei strahlendem Sonnenschein gegen 18 Uhr den ehemals größten russischen Kriegshafen in einer Flussmündung, dicht vor der Stadt. Hier ist alles bestens: Empfang, Duschen, Waschmaschine und ein Begrüßungskonzert. Die Stadt feiert ein open-air Konzert direkt neben der Anlegestelle mit dufter Musik. Die Menschen sind freundlich, ärmer erscheinend als in Polen oder Litauen, was sich auch an den teilweise recht verfallenen Gebäuden spiegelt. Der Wetterbericht, im Hafengebäude am Computer mit Internet-Anschluss selbst abrufbar (!), verheißt wieder mal nichts Gutes, Sturmwarnung, aus der unmittelbaren Weiterreise wird also vorerst nichts. Wir schlafen lange, eine Abfahrt ist ja nicht vorgesehen. Nach Duschen und Frühstück im Cockpit bei sporadischem Sonnenschein ist große Wäsche dran. Den Rest des Tages nutzen wir, um die Altstadt zu besichtigen, es liegt noch vieles im Argen. Ehemalige deutsche Kirchen sind geschlossen und umzäunt (stille Museen). In der Neustadt gibt es eine russisch-orthodoxe Kirche mit vergoldeter Kuppel. Öffentliches Verkehrsmittel sind Busse und alte Straßenbahnen mit AEG-Reklame. Mit einer neu angekommenen deutschen Crew sind wir im „Alten Kapitän“, einem urigen Restaurant mit umfangreicher Speisekarte und umgekehrt proportionaler Auswahl, Essen gegangen. Der Wetterbericht für Morgen ist okay, es geht weiter.

Montag, der 5. Juli – JETZT SCHAFFEN WIR ST. PETERSBURG!! - Ausklarieren - um 9 Uhr laufen wir nach Estland aus, 120 Seemeilen liegen vor uns. Unter teilweisem Sonnenschein machen wir gute Fahrt, vorbei an der bewaldeten Küste Lettlands. Um 19 Uhr kommt Ventspils in Sicht und damit auch wieder ein paar Schiffe. Nach Sonnenuntergang erreichen wir das Leuchtfeuer Ovisi und queren gegen Mitternacht die Irbenstraße. Der Wind frischt auf, wir machen gute Fahrt. Es wird nicht mehr richtig dunkel. Die Nacht ist kühl, der Wind wird schwächer, an der Halbinsel Saaremaa vorbei, dem Hafen Roomassaare entgegen. Es bläst ein kalter Wind aus S-SW. Zum Aufwärmen gibt es gegen 9:30 Ortszeit eine Spargelsuppe. Auf die überall übliche Anmeldung per Funk erhalten wir keine Antwort. Um 11:30 Uhr liegen wir im Hafen mit Schwimmsteg fest. Nach dem Anlegen nutzen wir die Zeit bei herrlichem Sonnenschein und ca. 18°C zum Saubermachen und Herausfinden der Einkaufsmöglichkeiten, letzteres mit wenig Erfolg. Der Hafen - ganz neu - liegt 5 km von der nächsten Stadt entfernt. Außer dem Industriehafen für Holzverladung, dem wichtigsten Handelsobjekt in Estland und Litauen, sowie dem Gebäude für den abwesenden Hafenmeister und die Toiletten in dem Hafengebäude ist hier „tote Hose“ und nur das Pfeifen des Windes in der Takelage und das Schlagen der Fallen an den Masten zu hören. Eigentlich ein schöner Tag zum Segeln, aber die Helden sind nach der Nachtfahrt müde. Der Wind ist ohne Sonne kalt, ich friere noch mit zwei Pullovern. Am liebsten verkröche ich mich in der Koje. Werner hat den Kurs für Morgen abgesteckt und einige Wegpunkte in das GPS-Gerät eingegeben. Morgen soll es weiter nach Norden und Osten gehen, in 3 Tagen könnten wir in Tallinn sein. Riga müssen wir aus Zeitgründen streichen - schade!
6:45 Uhr, die Duschen hier sind noch geschlossen, also eine vereinfachte „Morgentoilette“. Es ist warm, die Sonne scheint. Nach einem guten Frühstück - auch Werner lernt diesen Brauch mittlerweile zu schätzen - melden wir uns um 8 Uhr ab und segeln 30 Minuten später in Richtung unseres nächsten Zieles, Virtsu, einen kleiner Fähranleger. Etwa 3-5 sm voraus und über der Insel Saaremaa tobt sich eine Gewitterfront nach der anderen mit Blitz und Donner aus. Wir haben Glück sie laufen vor uns weg, weniger aus Angst und zu unserer Freude, denn aufgrund höherer Geschwindigkeit. Doch, oh weh, der Wind wird schwächer, hinter uns haben sich neue dunkle Regenwolken mit einer Regenwand von der Rigaischen Bucht her ausgebildet. Von diesen bekommen wir schon etwas mehr Regen ab, da wir nicht so schnell enteilen können wie uns lieb gewesen wäre. So ging das bis zum Abend, wobei das Wetter zunehmend besser wurde. Nachdem wir die Hafeneinfahrt von Virtsu ausgemacht haben und hinter einer großen Fähre des Seglerhafens ansichtig werden, sehen wir die finnische Seglerflotte dort vereinigt liegen., d.h. viele finnische Segelboote., die in das Gewitter direkt hineingekommen sind, welches wir von Ferne gesehen haben. Sie hatten mit einigen Ausfällen der Elektronik hier Schutz gesucht.
Der Wetterbericht um 6:40 Uhr verheißt für die nächsten Tage Verschlechterung, so fällt die Entscheidung für die nächste Nachtfahrt, um vor dem schlechten Wetter in Tallinn zu sein. Wir treffen überwiegend finnische Boote, offensichtlich für diese ein bevorzugtes Segelrevier. Vor uns die Fahrt durch das estnische Inselarchipel mit seinen engen Fahrwassern. Kritisch wird die sehr genau einzuhaltende Fahrwasserrinne zwischen Haapsalu und der Insel Hiiumaa. Ein leichtes „Bodengefühl“ am Sitzfleisch zeigt an dass die aus der 100.000er Karte ermittelte Kursvorgabe wohl nicht ganz so genau wie nötig herauszulesen war.. Gott sei Dank war es nur Sandboden und statt der Mindesttiefe von 1,70 m vielleicht nur 1,65 m. Werner hat sofort den Motor gestartet, die Fock eingerollt und mit wenig Fahrt den stärksten Gradienten für Tiefenzunahme gesucht und gefunden. Die nächsten Seemeilen werden mit reduzierter Fahrt und ständiger Echolotkontrolle vorsichtig zurückgelegt, bis wir wieder ausreichend Wasser unter dem Kiel haben. Die weitere Zickzackfahrt im betonnten Fahrwasser verläuft ohne Probleme, wenn vom Wind abgesehen wird, der wird so schwach, dass ohne Motor kein Fortkommen mehr möglich ist. Abends erleben wir einen schönen Sonnenuntergang, die Wolken haben sich aufgelöst, die Temperatur ist passabel, sehr wenig Schiffsverkehr, selbst um Mitternacht ist es noch „dämmerungshell“. Um 3 Uhr kommen die Lichter von Tallinn in Sicht, um 4 Uhr die Stadt selbst, von der aufgegangenen Sonne bestrahlt. Um 5:30 Uhr liegen wir fest im Olympiahafen. Mittags brechen wir auf, besteigen einen schwülheißen Bus in voller Mittagshitze mit je einer 10 kr Fahrkarte aus dem Hotelladen und besichtigen die Altstadt von Tallinn. Das ist eine von hohen Mauern aus der Ordensritterzeit umgebene Stadt, innerhalb der sich eine höher gelegene Festungsstadt befindet, die heute von der Nikolaus-Kathedrale überragt wird. Mit dem Besteigen des höchsten Kirchturms (Olafkirche) der Stadt und seinen 275 Stufen haben wir von dort oben eine herrliche Aussicht und einen umfassenden Überblick über die Altstadt. Vor der Rückfahrt zum Hafen leisten wir uns in einem Café einen Käsekuchen „in memoriam Danzig“. Nach dem Essen halten wir ein Schwätzchen mit den finnischen Bootsnachbarn, einer Familie mit drei Generationen an Bord. Abends besuchen uns Vater und Großvater auf ein Bier und geben uns Tipps für besuchenswerte finnische Häfen, die zum Einklarieren angelaufen werden können.
Samstag, der 10. Juli - mit dem heutigen Tag sind wir nun drei Wochen unterwegs. Es regnet, der Himmel ist total bedeckt, wir schlafen in den Kojen bis 9 Uhr. Nach dem Frühstück wird das vorgesehene Tagesprogramm den Wetterbedingungen angepasst. Die Finnen kommen kontinuierlich nach Tallinn, um sich vollaufen zu lassen denn hier ist der Alkohol billiger und leichter zu beschaffen. Auf der Rückfahrt werden ganze Wagenladungen von Bier und anderen Alkoholika in die Boote verladen und mitgenommen. Aufgrund der Informationen unserer finnischen Nachbarn und den fehlenden Beschreibungen der folgenden estnischen Häfen im Handbuch, beschließen wir nach dem Ausklarieren Haapasaari/Finnland anzulaufen - der vorletzte Schlag vor unserem Ziel. Wir laufen unter Maschine, selbst der Spinnaker fällt in sich zusammen beim Versuch diesen zu setzten. Das Wetter trübt sich zusehends ein, was aber keinen nennenswerten Wind bringt, sondern nur einen Dauerregen. Die Nachtfahrt unter Maschine bei kleinen Schauern mit Wegepunktnavigation und Queren des Schifffahrtsweges beginnt. Zum Aufwärmen gibt es Grießklößchensuppe. Gegen 10 Uhr am Vormittag erreichen wir im vorgeschriebenen Zollfahrwasser den Meldeanleger. Gleich in der Nähe – der Zollbeamte weist dabei mit der Hand nach Osten – ist ein idyllischer, kleiner rings von Felsen umgebener Naturhafen mit Anlegemöglichkeit für Boote bis 1,80 m Tiefgang. Von einer dort schon liegenden deutschen Bootsbesatzung werden wir beim Anlegen hilfreich unterstützt. Die Erkundung der Insel ergibt Plumsklo, Wasserzapfmöglichkeit, Einkaufsmöglichkeit und Benzinzapfstelle, damit sind die wichtigsten Dinge beisammen. Wir lassen es uns gut gehen an diesem „schönsten Flecklein am Ende der Welt“, schlafen aus und beschließen erst am nächsten Tag zusammen mit Eike und Helmut von hier auszulaufen. Nachts hat es gestürmt und geblasen, dass wir froh sind, unter diesen Bedingungen nicht draußen gewesen zu sein. Zum Frühstück im Freien scheint die Sonne, sollten wir in der lieblichen Bucht, nicht auch einmal baden? Unser Nachbarboot, eine Najad 390 kommt aus Petersburg, so werden wichtige Informationen verfügbar. Um 14 Uhr sind wir bei Eike und Helmut zum Kaffee eingeladen und wollen dann zusammen gegen 16:30 Uhr nach St. Petersburg aufbrechen. Bereits 7 Meilen vor der Seegrenze werden wir vom russischen Radar erfasst und per Funk aufgefordert uns zu identifizieren.

Um 8 Uhr legen wir zur Passkontrolle in Kotlin an. Eine nette Russin erscheint und „kontrolliert“ auf Zollwaren, füllt die Formulare aus und wünscht uns eine gute Weiterreise. Wir durchsegeln weitere 20 Seemeilen Fahrwasser und laufen dann in den Petersburger Industrie- und Handelshafen ein. Gegen 12:30 machen wir am Zollanleger, an dem auch die großen Kreuzfahrtschiffe anlegen müssen, fest. Daniel, der Sohn von Tatjana Bykowa erscheint und hilft beim Ausfüllen der vielen Scheine und Dokumente (general declaration, obligatio, Letter of garantee, migration card, etc.), alles zweifach und erspart uns nach seinen Worten Wartezeit. Nach drei Stunden können wir dann endlich den unruhigen Liegeplatz mit kaum Möglichkeiten zum Festmachen verlassen und laufen in den Militärhafen ums Eck. Am Steg gibt es Strom, wichtig für den Kühlschrank und die Warmwasserbereitung. Wasser und Sanitärraum sind auch vorhanden, wenn auch in einem auch selbst für russische Verhältnisse erbärmlichen Zustand, Duschen fehlten ganz. Dafür ist die Liegegebühr nur noch halb so hoch, und wir erhalten auch einen extra Toilettenschlüssel, der erst den Gebrauch des Örtchens sehr bedingt ermöglicht.
Wir haben unser Ziel erreicht und sind in St. Petersburg angekommen! Die ersten beinahe 1000 sm liegen nach 3 ½ Wochen hinter uns. Obwohl Wolfgangs Küche ausgezeichnet ist habe ich 10 kg verloren, worüber ich aber gar nicht traurig bin! Jetzt ist großes Feiern mit Eike und Helmut angesagt, noch mit Bier aus Estland. Zu uns gesellt sich Tatjana, eine sehr alerte, verbindliche, in Gelddingen sehr versierte Mittvierzigerin. Sie macht uns mehrere Vorschläge für ein Besuchsprogramm der Stadt. Wir wählen für den nächsten Tag eine Stadtbesichtigung, verbunden mit dem notwendigen Geldumtausch und anschließender Einkaufsmöglichkeit in einem Supermarkt. Der Uhrenvergleich für das morgendliche Treffen ergibt zur Überraschung Moskauer Zeit, d.h. noch eine Stunde früher als bei unserer noch auf litauischer Zeit eingestellten Uhr. Abends macht sich die schlaflose Nachtfahrt voll bemerkbar, die Augen fallen von selbst zu.
Aufstehen um 8 Uhr, für uns ist es mehr 7 Uhr. Der Himmel ist grau, bedeckt, wenn es nicht regnet, wäre das schon gut. Die Nacht war offensichtlich nicht ganz erholsam, ein Grund sind die Mücken die uns zerstechen. Zum anderen sind es die Nachwirkungen von Anstrengung und dem fehlenden Schlaf der letzten 24 Stunden. Regen, es fängt zu tröpfeln an und geht zum ergiebigen Dauerregen über. Wir Vier vom Hafen fahren in einem Mercedes-Sprinter, betreut von Tatjana, zur Festung „Peter und Paul“, die Zelle der Stadtgründung durch den Zaren Peter, der Erste. Von dort geht es zum Stadtkern - Admiralität, Eremitage, Winterpalais, Theater, Oper, Nikolai Kathedrale, zur Isaak-Kathedrale, dem Palast von Alexander dem Dritten, zum Marsfeld mit Kasernen und Massengräbern der bei der Oktoberrevolution Umgekommenen und weiter zum Newski Prospekt, der Prachtstraße von St. Petersburg mit abschließendem Einkauf fehlender Lebensmittel. Nach der Rückkehr zum Schiff wird mit Helmut und Eike auf Ihrem Schiff „Wiking“ noch bis in den frühen Morgen des nächsten Tages gefeiert. Um 12 Uhr am nächsten Tag holt uns Tatjana zur Fahrt nach Katharinenburg ab. Das Schloss der Elisabeth, die Sommerresidenz der Großen Katharina, ist eine Symphonie in Blau, Weiß und Gold. Das Bernsteinzimmer wirkt kleiner als in der durch die Medienberichte genährten Vorstellung. In den großen Bernsteinbilderrahmen sind florentiner Mosaikbilder eingelassen. Die einheimische Bevölkerung muss sich in langen Schlangen anstellen, um einen Blick in die Schlossgemächer zu erhalten. Wir werden als „VIP´s“ an den Wartenden vorbei geschleust. Täglich besichtigen mehr als 10.000 Besucher die Anlagen und Gebäude, das Besuchergedränge macht diese Zahlen glaubhaft. Den Abend, Werner bis zum Morgen, üben wir mit einer russischen Seglerbesatzung (Sportsoldaten bzw. pensionierte Marinesoldaten) „Völkerverständigung“ in Russisch, Englisch und Deutsch, unterstützt von Wodka, Bier, Cola, Tschai, gestärkt mit Käse, Wurstscheiben und Weißbrot. Nachts im Boot besucht uns eine russische Hafenratte. Sie machte sich während unserer Abwesenheit über Brot und Wurst her.
 
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