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Polenreise 2004 der
SY „SCORPJON“

Da ich erst recht spät von dieser gemeinsamen Reise erfahren habe, konnte ich wegen der notwendigen Vorbereitungen erst am 17. Juni starten. Die ersten Teilnehmer der Geschwaderfahrt waren schon um den 4. bis 7. Juni aufgebrochen.  Die „BONNIE“ mit Skipper Fritz Schmale und Crew habe ich am 19. Juni in Stralsund überholt.

Dank günstiger Winde und etwas erhöhtem Tempo habe ich die führende Yacht „NUFFA“ nach 7 Segeltagen und einem Hafentag am 24. 06. in KOLOBRZEG (Kolberg) eingeholt. Von den anderen Teilnehmern der Geschwaderfahrt war weit und breit nichts zu sehen. Um Zeit zu sparen, habe ich im Gegensatz zu einigen anderen Seglern keinen Abstecher in das Stettiner Haff unternommen. Die „NUFFA“ und die „SCORPJON“ sind ab KOLOBRZEG nach GDANSK und zurück bis SWINOUJSCIE im Konvoi geschippert. Ich hatte noch nie so viel Spaß wie auf dieser Reise.  Im Sommer 2005 plane ich eine Reise auf der SY „SCORPJON“ über Polen in das Baltikum, bei entsprechender Resonanz mit 1 – 2 Mitseglern.

Der nachfolgende Reisebericht wird  mit freundlicher Genehmigung des Verfassers, Ludwig Michelsen, dem Eigner der legendären Segelyacht „NUFFA“ (die mit der Galionsfigur), Initiator dieser Geschwaderfahrt und 2. Vorsitzenden des ASC in Kappeln, in unserer Homepage veröffentlicht.

                                                                    Elmar Mnich, SY „SCORPJON" MiYC
 

Polen 2004 - Starkwind, Stimmung, Sonne!

Der SCE Eckernförde will eine Geschwaderfahrt nach Danzig machen! Diese Nachricht elektrisierte mich. Wenn die das können, dann können wir das auch! Immerhin hatten die Eckernförder ihre letzte Geschwaderfahrt nach Oslo gemacht- bei guter Beteiligung. Also streckte ich die Fühler aus, die beiden netten Sekretärinnen vom SCE hingen meine Flyer am schwarzen Brett des SCE aus, und alles schien gut zu laufen.

Einige ASCler sowie WSGler hatten sich auch schon angemeldet. Dann das Aus für die SCEler: Wegen der Schießgebiete vor Polens Küste. Die Segler vom SCE Eckernförde wollen in diesem Jahr ihre Geschwaderfahrt  nun doch gen Norden machen, über Göteborg in den Vänernsee. Na ja, dann eben nicht! (Diese Info war falsch, wir durften   alle Sperr- und Schießgebiete durchfahren). Jetzt mussten nur noch die Crew- Wechsel vereinbart werden, denn außer mir hatte keiner so lange Zeit. Zwei Monate hatte ich mir mindestens vorgenommen- reichlich viel Zeit, wie sich später herausstellte.

Am Mittwoch, 9. Juni ging’s los. Zuerst nach SCHLEIMÜNDE, der ideale Absprunghafen. Mit an Bord die Powerfrau Sabine aus Hamburg. Ich weiß nicht, wieso, aber immer, wenn Sabine an Bord ist, scheint die Sonne. Wirklich! Am nächsten Morgen war frühes Wecken angesagt, 4.00 Uhr! Nach einem äußerst üppigen zweistündigen Frühstück geht’s Richtung FEHMARN, ca. 47 Meilen. Wind WSW 2, glühende Hitze. Wir laufen unter Autohelm 6,5 Knoten und schlürfen ab 12 Uhr Rosé Wein. Dann schläft der Wind ein, unter der Sundbrücke laufen wir nur noch 1,9 kn. Maschine an! Darauf hat eine auf dem Zündschlüssel sitzende Wespe nur gewartet und sticht mir in den Finger. Mist! Ich tauche den Finger in Essig und fluche ausgiebig. Kurz darauf liegen wir am BURGSTAAKENer Stammplatz der Nuffa vor dem Waschhaus aus Aluminium, längsseits, auf 90 cm Wasser. Sabine kocht göttlich, während ich nach Kevin Ausschau halte. Kevin ist ein roter Hafenkater, der jedes Mal an Bord der Nuffa kommt, kriegt er doch stets Gourmet Katzenfutter. Das Menü ist in winzigen goldenen Döschen, es heißt  „Gourmet au poulet & au coeur“ oder „à la dinde“ oder „au poisson de l’ocean“. Der Wetterbericht für morgen sieht gut aus, Südwest 3-4, später 5- 6 sind angesagt, und so kommt es auch. Nur einmal macht das Boot plötzlich einen Satz zur Seite, als wir über das einpolige Stromkabel  fahren, das ca. 20 Meter unter uns auf dem Grund der Ostsee liegt und den Magnetkompass des Autohelm zum Spinnen bringt. Das Kabel kommt aus Schweden und versorgt Deutschland mit billigem Strom. Kurz darauf hören wir ein Brausen, und eine riesige TT Linie Fähre hält auf uns zu. Während ich unter Deck die Signalpistole checke und Kanal 16 abhöre, fällt die Fähre etwas ab und passiert uns. Es ist die „Peter Pan“. Wir sind in Hochstimmung. Immerhin 7,8 Knoten zeigt der GPS bei der flotten Backstagsbrise an, und die Sonne brennt. Wohin in WARNEMÜNDE? Wir machen erst mal eine Hafenrundfahrt im Alten Strom- alles besetzt. Na gut, dann eben in den neuen Yachthafen HOHE DÜNE. Laut Bericht in der Bootsbörse und der „Yacht“ soll der Hafen längst fertig sein- wir laufen aber eine Bauruine an. Riesig in der Anlage, aber nur ein Schwimmsteg ist fertig. Kein Strom in der Nähe der Box, ich lege über 80 Meter Stromkabel zu einer primitiven Steckdose. Was wären wir ohne Kühlschrank bei mehr als 30 Grad unter Deck! Für 1,10 Euro setzen wir per Fähre über nach Warnemünde und besuchen die Ausstellung „Reinhold Kasten, der letzte Abenteurer“. Kasten war in den 50er und 60er Jahren Kapitän und hat sämtliche Gebiete der Erde bereist, und dabei unglaubliche Souvenirs mitgebracht. Am nächsten Tag geht es weiter, da DARSSER ORT gesperrt ist, müssen wir die ca. 50 Meilen bis BARHÖFT in einem Stück absegeln. Kein Problem beim handigen Südwest 3- 4, aber bei Ost oder stark auffrischendem West 7 - 8 möchte ich nicht vor Hiddensee ankommen. In Barhöft scheint immer noch die Sonne, und wir machen per Heckboje fest. Der im Götakanal gekaufte Nirohaken leistet gute Dienste. Am nächsten Morgen ist Stimmung an Bord, Klubkamerad Gerd Janssen samt Frau und Kinder sowie Michael Arendt ist mit seiner Dehler „Marionette“ im Hafen, die 6 Personen nehmen bei uns einen Brunch. Erstaunlich, dass 8 Personen gleichzeitig am Salontisch essen können.

Gegenüber liegt ein alter Bekannter aus Lübecker Tagen, Kommodore Dettmann vom LYC, mit seinem Hanseat, einer Rennmaschine von Asmus.

Das Wetter hält sich, und so laufen wir am nächsten Tag weiter nach STRALSUND. Ich hasse diese Schwimmstege, auf denen die Vorleinen nach achtern und die Achterleinen nach vorne belegt werden. Außerdem gehen die dünnen, leichten Stege sofort unter, wenn man sie leichtsinnigerweise zum Belegen betritt. Stralsund ist toll. Kein Vergleich mit dem Stralsund von 1990, als ich zum ersten Mal da war und es aussah, wie in der New Yorker Bronx. Jetzt kann man getrost von blühenden Landschaften sprechen. Wir besuchen das eindrucksvolle Meeresmuseum, abends geht’s ins Kino, Harry Potter und der Gefangene von Ascaban. Bei West Bft. 6 geht’s weiter nach GREIFSWALD, herrliches Segeln in den Boddengewässern. Bei halb eingerollter Genua ohne Großsegel und unter Autohelm zwischen 5,9 und 7,6 Knoten! Abends geht’s wieder ins Kino: The Day after tomorrow, ein Zukunftsschocker. Das Kino ist in einem supermodernen Einkaufscenter, alles ist wundervoll restauriert oder geschmackvoll neu. Und diese italienischen Eisdielen! Bei dem guten Wetter muss man ja sündigen.

Nächster Hafen ist KRÖSLIN. Ein riesiger Hafen gegenüber der Raketen Anlage PEENEMÜNDE. In Kröslin treffen wir einen weiteren Teilnehmer der Geschwaderfahrt, Herrn Muth mit seiner Aphrodite 33 Lysholm. Leider hat er Pech gehabt, ein Segel ist ihm zerrissen. Wir sind erschlagen von der Raketenanlage in Peenemünde, unglaublich allein die Vielfalt der im Freien stehenden sowjetischen Flugzeuge. Man muss sich wirklich Zeit nehmen, um alle Relikte zu entdecken. Als wir nach WOLGAST weitersegeln, kommen wir gegen 20.30 Uhr durch die Brücke von ZECHERIN. Sollen wir weiter nach MÖNKEBUDE? Kurz hinter der Brücke mündet die Peene. Ein Fluss, der 20 Meter breit ist, sollte eigentlich genug Wasser für die Nuffa führen. Sollen wir es wagen? Auf der NV Seekarte steht: “Der bis Malchin schiffbare Peenefluss ist bis ANKLAM nicht durch Brücken oder Hochspannungsleitungen begrenzt. Die Solltiefe beträgt 2,50 Meter.“ Auf geht’s! Und wir werden belohnt. Ein traumhaftes Revier. Total unerschlossen. Es wimmelt von Fischreihern, endlose Schilflandschaften, Ruhe, Natur pur. ANKLAM entpuppt sich als Geheimtipp. Vom örtlichen Segelverein sind es nur wenige 100 Meter zum neu erbauten Otto Lilienthal Museum. So ein Museum habe ich noch nie gesehen. Alles zum Anfassen, Flugmodelle, aerodynamische Versuche, wunderbar hell. Ein Highlight.

Beim Stadtbummel kommen wir an einem „Erotik Massage Studio“ vorbei. Auf den ausgehängten Bildern sehen wir einen älteren glatzköpfigen Herrn, der von mehreren hübschen sehr leicht bekleideten Damen massiert wird. Was es alles gibt!

Unser nächster Hafen ist die Lagunenstadt von ÜCKERMÜNDE. Eine riesige Anlage mit Ferienwohnungen und Liegeplätzen, sehr geschmackvoll, strandnah. Jetzt ist der erste Crew-Wechsel angesagt, tränenreicher Abschied von Sabine, und Roger kommt an Bord. Wie fast überall in Ostdeutschland ist auch hier das Hafengeld äußerst moderat, nur 11 Euro für ein 12 Meter Boot. Abends wird ein Formel 1 Rennen im Zelt übertragen. Am nächsten Tag geht’s über die polnische Grenze. Wir segeln am polnischen Wachboot bei Tonne 17 an der deutsch- polnischen Grenze vorbei. Ein Grenzsoldat preit uns an: Wohin wollen Sie? Wir brüllen „Swinoujscie!“, (das heißt Swinemünde) und das war’s auch schon. Wir sollen da auch einklarieren. Doch vorerst geht’s ca. 7 sm durch den „Kaiserfahrt“ Kanal. Es wimmelt von Fischreihern, bei 100 höre ich auf zu zählen. Die Marina SWINOUJSCIE ist ein  Hafen, wie ich ihn liebe. Überall mehr als 3 m tief, und Platz ohne Ende. Hafen­geld 35 Zloty, knapp 9 Euro.

Die "SCORPJON" in SWINOUJSCIE (Swinemünde)

Abends gucken wir in der Hafenkneipe Fußball TV, vorher habe ich nach dem Wörterbuch  „Dwa piwa proschä“ = 2 Bier bitte! bestellt. Übrigens: Von Kappeln nach Swinemünde sind es nur ca. 25 sm weiter als nach Anholt!

Beim Landgang spricht mich ein Zöllner an: Haben Sie schon einklariert? Mensch, glatt vergessen! Am nächsten Morgen machen wir gegenüber fest, zeigen kurz unsere Ausweise und sagen, dass wir zum nächsten Hafen, nach DZIWNOW (BAD DIEVENOW) wollen. Alles o.k. Dziwnow hat zwei Häfen, wir laufen die Marina Polmax an. Ein entzückender kleiner Hafen, kaum nähern wir uns, wird es im Hafen lebendig, mehrere Leute weisen uns einen super Liegeplatz an, verlegen sogar ein anderes Boot für uns, nur damit wir längsseit liegen können. Ich bedanke mich beim Hafenmeister mit einem Fläschchen Pikkolo Sekt. Ein Gruß aus Deutschland! Er lädt uns zum Abendessen am Steg ein. Ein leckeres Fischgericht. Wir lassen uns nicht lumpen und werfen die erste Flasche Rosé auf den Markt. Hafenmeister Lolo kontert mit der ersten Wodkaflasche. Wie soll das bloß enden! Na wie schon. Den Wodka gibt’s aus Zahnputzgläsern, schnell ist er alle, wir holen die nächste Literflasche Rosé. Mit dabei Antarktissegler Wuja und Lolos Gastarbeiterin Tatjana, eine bildschöne Russin. Sie ist angeblich 40 Jahre alt, sieht aber aus wie 25. Sie besorgt den Haushalt. Später kommt nach Lolos Sohn Leszek dazu, der als Safety Guard arbeitet. Später sollen wir noch jede Menge Berufskollegen von ihm sehen, Polen wimmelt von privaten bewaffneten Wachleuten. Als die zweite Wodkaflasche leer ist, muss Roger Whisky von Bord der Nuffa holen. Der nächste Morgen lässt sich nur unter der ausgezeichneten Dusche im Waschhaus überstehen. Wie überall in Polen kann man duschen so lange und so heiß oder kalt man will. Dann geht’s nach KOLOBRZEG (KOLBERG). Beim Einlaufen in den Hafen klariere ich per UKW Kanal 12 ein (this is Nuffa, two persons from Dziwnow), und das war’s auch schon. Kolberg ist eine moderne Großstadt- hier bleiben wir erst mal. Wir kriegen einen super Platz und machen einen Stadtbummel.

Auf der Straße spricht mich ein altes Mütterchen an:“ Kolberg? Deutsch? Ich habe zwei Kinder!“ Sie weint. Ich gebe ihr ein paar Zloty. Sie bedankt sich überschwänglich und küsst meine Hände. Peinlich. Aber woher wusste sie, dass wir Deutsche sind? Das habe ich mich auf der Reise noch oft gefragt, erst in Danzig erfahren wir es. Direkt am Hafen ist eine Freilichtbühne, fast jeden Abend Live Musik und Tanz, dazu geräucherte Leckereien. Das Wetter ist immer noch allerbest, sonnig, allerdings weht es aus West mit Bft. 6 - 7. Also bleiben wir noch einen Tag und kaufen mal in einem polnischen Supermarkt ein. Das Angebot ist in etwa wie bei uns, natürlich zu halben Preisen.

Dann geht’s nach USTKA (STOLPMÜNDE), Kappelns Patenstadt. Draußen steht eine tierische Dünung, aber unsere Standard-Besegelung (halb ausgerollte Genua) beschert uns 7 kn, dazu regnet es zum ersten Mal. Egal. In Ustka die Überraschung: Es gibt keinen Sportboothafen. Entweder wir liegen ungeschützt an der Ostseite, oder wir laufen gegenüber in den Fischerhafen ein. Das tun wir auch, mehrere nette polnische Segler weisen uns ein, wir dürfen längsseits an einem anderen Boot liegen. Der Ort ist zauberhaft, Kochen an Bord ist wie überall in Polen sinnlos, weil es jede Menge preiswerte Restaurants gibt. Wir entscheiden uns für eine Pizza, serviert von einer unglaublich hübschen Polin. Beim Frühstück am nächsten Morgen haben wir den Danzig Geschwaderfahrer  Elmar von der Skorpion zu Gast. Elmar ist ein beinharter Einhandsegler aus Missunde und seit Kolberg dabei. Er gehört zu den neun Seglern, die nach Polen wollen.

Die "SCORPJON" vor Polens Küste

Unser nächster Hafen ist LEBA (sprich: Lebba), Polens modernste Marina. Als wir einlaufen, zelebriert gerade der Bischof eine Messe an der Hafeneinfahrt. Im Hafen ein Riesenauflauf, der polnische Ministerpräsident hält eine Rede. Es wimmelt von Securities. Abends ist Hafenfest angesagt, der Bischof und der Präsident sind verschwunden, dafür Tanz bei brüllend lauter Rockmusik. Im Hafen gibt es jede Art der Versorgung, natürlich Wasser und Strom am Liegeplatz, super Duschen, Wasch-maschinen und Trockner, ein Postamt, Restaurants, Tankstelle usw.

Der Wetterbericht auf Deutschlandfunk für den nächsten Tag verheißt nichts Gutes: West 6, Böen 8 soll es geben. Wir laufen trotzdem aus und erleben Bft 2 aus NNE. Nun ja, man weiß ja, es bleiben mehr Boote wegen falscher Wetterberichte als wegen Sturm im Hafen. Wir versuchen es zuerst hoch am Wind, aber die Nuffa ist eine Vorwindschüssel und nicht fürs Höhe kneifen gemacht, also Maschine an!

Auf halber Strecke erscheint hinter uns eine riesige Gischtwolke. Es ist der Danzig-Segler Fritz Schmale aus Schleswig mit seiner Bonnie, einem PS starkem Motorkreuzer. Begleitet wird er von Fredi Raup und Frau. Sie wollen weiter nach HEL, während wir vorher in WLADISLAWOWO (GROSSENDORF) einlaufen.

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