zu den Törnberichten
    
    
  Ostsee rund
      2001 mit der

"ENKELSTERTEN".
Rechtzeitig zum Absegeln des MiYC kehrte die "ENKELSTERTEN" mit unserem Commodore und seiner glücklichen Mannschaft zurück.
Neun Gastlandflaggen unter der Steuerbordsaling!
Mehr wäre gar nicht möglich gewesen, es wurden alle Ostseeanrainer besucht!
 Applaus, Applaus!

Am 12. Juli 2001 schrieb die beste aller Bordfrauen einen Geburtstagsbrief aus Kleipeda / Memel an den daheim gebliebenen Sohn. Er schildert den Start in Danzig und die ersten Etappen der Ostseereise.

Lieber Jan,
dies soll nun ein Geburtstagsbrief werden - the same procedure as every year.

Das Papier ist ja schon mal ganz edel, wenn auch 35 Jahre alt und auch die Adresse etwas überholt. - Aber wer wird denn so kleinlich sein !

Zunächst ganz liebe und herzliche Glückwünsche, Gesundheit und, dass du ein bisschen zur Ruhe kommst. Vielleicht völlig falsch, das zu wünschen, manche brauchen ja Hektik und Stress zum richtigen Lebensgefühl.

Stress hatten wir auch reichlich vom Frühjahr bis jetzt. Erst viel Arbeit und Termindruck um Grundstücke, Wohn- und Ferienhaus nebst Kanu vermietungsbereit und so herzurichten, dass man guten Gewissens den Rest des Sommers abwesend sein kann. Natürlich mussten auch Katzen, Fische, Blumen, Rasen, Garagendach- und Teichwasserversorgung bedacht sowie Gästewechsel und Betreuung organisiert sein.

  Hannes klütert ...

Dann Danzig! Katastrophe!

Das Schiff lag zwar im Wasser, der Mast daneben, das war alles. Das Deck war fertig, bis auf Feinarbeiten, Fenster und Luk in Ordnung. Aber innen? 1 cm dicker Säge-, Schleif und Arbeitsstaub bis in den letzten Winkel der Bilge, eine einzige Baustelle. Völlig unverständlich, uns zu dem Zeitpunkt schon kommen zu lassen. Vier Tage wohnten wir bei der deutsch sprechenden Schwiegermutter des Werftmanagers, einer netten, alten Dame, die abends zu ihrer Tochter zog, aber tagsüber in der Wohnung war. Über der Badewanne eine Dusche, die jeden Winkel im Bad traf, nur nicht dich selbst. Da wir an Bord absolut nichts tun konnten, besichtigten wir Danzig, das bekanntlich sehr schön ist. Aber es war unerträglich heiß.

Dann zogen wir aufs Schiff. Elektrik nicht funktionsfähig. Nichts richtig fertig. Wir konnten keine Tasche auspacken, kein Fach belegen, nur mit Mühe zwei Kojen so herrichten, dass man abends drauf schlafen konnte. Morgens musste alles Gepäck wieder hochgestellt werden. An Bord kein Messer, kein Löffel, kein Glas, kein Frühstück.

Um 08.00 Uhr kamen Handwerker, machten neuen Staub, Späne, die Bodenbretter hoch, Mastverkleidung ab und Niedergang ab. Es war das perfekte Chaos. Dazu, trotz Sonnenabdeckung der Luken mit Lappen und Handtüchern, 38° unter Deck gegen Mittag. Draußen war es nicht möglich, barfuss an Deck zu gehen, nicht mal als Stepphuhn.

Unsere Hauptnahrung bestand tagsüber aus "Polska Krovka" und "Pepsi light". Ha,- der Kühlschrank ging nämlich! Von den "Krovka"- Karamelbonbons, du kennst sie ja, bringen wir dir welche mit, sofern nicht neue Notzeiten anbrechen. Frühestens um 08.00 Uhr abends ging der letzte Handwerker; dann kam der sympathische Werftmanager "Marian" mit seinem Gipsarm zur Besprechung für den nächsten Tag.

Danach fingen wir an unsere Schlafstatt zu reinigen und einzurichten und gegen 23.00 Uhr konnten wir erst in die Stadt etwas essen gehen. Ich vergaß zu sagen, dass wir inzwischen mit Mast in der Marina lagen, wo es auch Duschen und ordentliche Toiletten gab. Ich möchte behaupten, wir hatten einen der schönsten Liegeplätze in einer Stadt weltweit. Gegenüber dem Krantor mit traumhaftem Blick auf das Panorama der Altstadt. Nachts. wenn alle mehr oder weniger musikalischen Klänge von Rockbands Orchestern und Straßenmusikanten langsam verstummten, erhob sich ein mächtiges vielstimmiges Froschkonzert im Hafen. Der Mond schien dazu durch eine von blühendem Holunder überwucherte Ruine auf eine Insel schräg neben uns. Wild romantisch!
 
               In Danzig mit Sonnenschutz

Am 08. Juli konnten wir endlich ablegen - Ziel Halbinsel Hel.

Endlich eine kühle Briese, die wenige Kleidung klebte nicht mehr am Körper.
Dafür stellten sich einige wenige Nebensächlichkeiten ein:

1. Das Sumlog geht nicht. Für eine Reparatur ist in der langen Hafenausfahrt das  
    Wasser viel zu dreckig.

2. Später geht es auch nicht zu reparieren, da  irgendein Klebstoff rein geraten ist.

3. Draußen in der Danziger Bucht empfängt uns eine unangenehme kappelige Dünung.

4. Die Selbststeueranlage geht nicht,

5. ein Gewitter zieht auf. - Nach einem Schluck Wodka zur Begrüßung
    lässt Rasmus es gnädig an uns vorbeiziehen. Kurz darauf verabschiedet sich

6. die Maschine; kappelige See und wenig Sprit mag sie nicht.
    In Danzig gibt es keine Tankstelle, nur in Hel ist eine. Segel hoch!

7. Der Wind ist weg, zwei Stunden dümpeln, in Flaute, 5 sm vor dem Hafen Hel.

8. Neues Gewitter - aber auch Wind - wir rauschen Richtung Einfahrt.
    Ohne Maschine, die das Schiff im Wind hält, kriegen wir

9. das Groß nicht ganz aufgerollt, also den Rest so irgendwie runter und festbinden.

10. Eine Fockschot ist inzwischen ausgerauscht, weil kein Knoten drauf war und hat  
     sich gnadenlos verheddert. Zu zweit entheddern wir sie lange vorne an Deck.

11. Ich werde ordentlich nass; ist nicht unangenehm bei den Temperaturen.

Schließlich laufen wir nur mit Fock (und nun mit Knoten in der Schot) in den zum Glück großen Vorhafen. Im ruhigen Wasser springt -o Glück- die Maschine an und wir machen fest als sei nichts gewesen.

Das waren die ersten 17 Seemeilen von ca. 2000!

Hel, noch vor 10 Jahren ein idyllischer Fischerort, ist heute ein einziger Polenmarkt und Rummel und hat nichts Anmutiges mehr. Nach Kleipeda, Litauen, sind es ca. 120sm; Wind OSO 6-7; fast genau gegenan, wir bleiben. Angesagt ist SW, wir wundern uns und warten, dass er dreht. Dann erweist sich, dass unser Kompass sich von einem Eisenpoller auf der Betonbrücke beeinflussen ließ. Umsonst gewartet, 20.00 Uhr Leinen los.

Alles ruhig und gut vorbereitet für die Nacht. Die Selbststeueranlage "Oskar" geht wieder. Wind kaum mehr aber dafür Dünung. Pappi schläft ein Stück, man weiß ja nie, was die Nacht uns noch bringt.

Der Wind frischt auf und dann geht's los. Plötzlich von allen Seiten eine scheußliche Dünung. "Oskar" gibt den Geist auf, ich brauche einen neuen Kurs und rufe Pappi, er hört nicht. Beim dritten, schon sehr lauten Rufen springt er in Panik aus dem Bett und wird im selben Moment von einer großen Welle, die das Schiff trifft, quer durch die Koje geschleudert. Er hatte schon tagelang mit einem Hexenschuss zu tun und ich höre statt des neuen Kurses nur Schmerzensschreie und Stöhnen von unten und muss in dem Augenblick auch schon über die Reling .....

Mit einer Hand am Ruder klappt das nicht ganz. Tolle Situation!

Irgendwann haben wir alles wieder im Griff: Die Schmerzen werden minimal besser bzw. verlagern sich aufs Knie, die Seekrankheit bleibt bis weit in den nächsten Tag.

5 sm vor der Ansteuerung Kleipeda erwischte uns ein dickes Gewitter. Ich hatte es einfach nicht wahrhaben wollen. Nach der Nacht und so kurz vorm Hafen, - schade, dass es nicht vorbeizog. Zwar bestand meine neue Sympatex-Jacke, die Hannes schnell rausreichte, ihre erste Bewährungsprobe, aber alles andere wurde so was von nass, dass aus den Luftlöchern meiner Lederschuhe obenauf bei jedem Schritt eine Dusche hoch spritzte. Die Maschine fing, trotz randvollem Tank, zu jaulen an und wurde schnell ausgemacht. Wir hatten rausgefunden, es besteht eine gute Chance, dass sie in ruhigem Wasser wieder anspringt. Mit Minifock halten wir den Kurs und das Deck wird hervorragend gewaschen.

Es dauert ewig bis zur Ansteuerung, kaum Sicht, und ewig bis in den Hafen und immer noch regnet es heftig. Es ist zwar warm, aber ich dachte schon vor einer Stunde, wenn ich nicht bald trockenes Zeug ankriege, dann passiert was.

Maschine geht wieder; wir schleichen den Hafen entlang und suchen, wo wir hinsollen. Ein Schlauchboot kommt und führt uns "follow me" zu einer hohen Betonkaimauer. Oben steht ein Polizeiauto "Emigration", auch das noch! Drei Uniformen wollen an Bord. Muss das sein? Ich bin nass, kalt und sauer und wohl auch erschöpft und empfinde das Anbordkommen immer als Einbruch in meine Privatsphäre. Die eine Uniform ist weiblich und endet kaum unterhalb der Stelle, wo die Oberschenkel zusammentreffen. Mit anderen Worten ein Mega-Minirock, dann lange kräftige Beine, dann Stöckelschuhe. Der Mega-Minirock will auch an Bord. Ich denke noch, wie soll das wohl gehen, da klettert er schon, mit Hilfe der Männer, die hohe Kaimauer runter über die Autoreifen aufs Schiff, über unsere hohe Seereling aufs Brückendeck und die steile Treppe runter in die Messe. Pappi kriegt Schlangenaugen. Alle quetschen sich um unseren Tisch und packen umständlich ihre Aktenkoffer aus. Das alles für eine lächerliche Unterschrift!

Ich ziehe mich einfach in der Koje aus und schmeiße die nassen Sachen Stück für Stück in die Messe. Hoffentlich merken die Eindringlinge, dass sie stören. Pappi - nicht so nass und kalt wie ich - ist ganz freundlich.

Als die Polizeimieze den Rückweg antritt (man ist ja von Polen allerlei, was Minis anbetrifft, gewöhnt) bin ich inzwischen trocken und kann mir nun nur mit Mühe das Lachen verkneifen. Pappi findet das sicher besser als die Soldaten mit Kalaschnikow und Nagelstiefeln, die früher an Bord trampelten. Ich denke, das Mittelmaß wird man noch finden.

Der Seglerhafen ist ein Stück die Memel aufwärts am anderen Ufer. 20.00 Uhr fest gemacht - 24 Stunden unterwegs - Hunger - es regnet immer noch.

Nach einer heißen Dusche und Haare waschen gibt es frische, zarte Schweineschnitzel mit Zwiebel und Tomate, auf dem neuen Gaskocher ganz schnell gebraten. Spitze!

Dann wird Pappis Rücken (der Hexenschuss ist weg) und das Knie, das ganz dick geworden ist, mit Mobilat-Verband verarztet. Wir fallen in die Kojen und in ein tiefes Koma.

Hast du nicht mal wieder Lust zu segeln?
Kennst du den Idiotenwitz? Rennt einer mit voller Wucht mit dem Kopf gegen die Betonwand, sackt zusammen, rappelt sich auf, rennt wieder. Frage: "Warum macht der das?" Antwort: "Es ist so schön, wenn der Schmerz nachlässt." Genauso komme ich mir oft vor - beim Segeln!

Neuer Tag, lange geschlafen. Pappi klütert (hochdeutsch: handwerken) im Schiff und schafft eine Atmosphäre wie in Danzig. Ich verteidige hartnäckig meinen Platz am Tisch für Block und Bleistift. Neben uns liegt übrigens Arved Fuchs mit der "Dagmar Aaen", die einen Winter im Polareis eingefroren war. Wir hörten beim Kreisseglerverbandstag einen hervorragenden Vortrag von ihm.

Beeilung, wir müssen in die Stadt, Geld tauschen, Briefmarken besorgen; der Weg zur Fähre ans andere Ufer ist weit mit verletztem Knie. Eine Brücke gibt es nicht.

Kleipeda- Memel ist schön; teilweise italienisch anmutend. Geld aus dem Automaten gibt es - sonst ist alles schon zu.

14. Juli: Heute ist zuviel Wind angesagt. Noch mal Stadtbummel mit mehr Zeit und Eis im Straßencafe, im Schatten von Akazien am Kanal.

Inzwischen haben wir gelernt, wie man mit einem Kleinbus zum Seglerhafen kommt. Der gleiche Bus fahrt auch nach Nida, entlang der Kurischen Nehrung. Mit unserem Schiff können wir nicht hin, weil der Mast zu hoch ist. Außerdem würde es zwei Tage kosten. Da wir sicher nie wieder hierher kommen, kann ich Pappi einen Tag abringen, obgleich Andres in Riga auf uns wartet. Bis zur russischen Grenze im Süden ist alles Naturschutzgebiet, Touristen haben eine extra Abgabe zu leisten beim Betreten desselben. Wir sind aber im Linienbus. Schön, Nida und das Kurische Haff gesehen zu haben.

Auf dem Rückweg wird der Bus von einer Wildsau und 12 Frischlingen gestoppt. Die Sau verlangt Zoll in Form von Futter, ehe sie uns weiterfahren lässt. Na ja, bei so viel Kindern.

Wieder an Bord hat sich die Sonne schon sehr geneigt. In ca. 3 km auf der anderen Seite der Nehrung ist der riesige weiße Sandstrand. Sollen wir nicht noch schwimmen gehen? Pappis Knie macht aber nicht mehr mit. Mich lockt das Wasser zu sehr und ich laufe los, durch den dunklen unheimlichen Kiefernwald, immer dem Geräusch der Brandung nach. Es wird auch langsam lauter. Dann muss ich noch einen breiten und hohen Dünenwall erklimmen und habe den schier unendlichen Sandstrand, ein goldenes Meer, gesäumt von weißer Brandung vor mir. Die Sonne ist eben im Begriff unterzugehen, schnell ins Wasser; es ist richtig warm. Was für eine Wohltat - nach all dem Stress!

Aber ich kann mich nicht lange aufhalten, die Sonne ist weg und drei Kilometer Wald liegen zwischen mir und dem Hafen. Schnell anziehen. die Düne rauf und ab ins Dunkle. Ich folge einem Plattenweg - zu beiden Seiten Dickicht. Ob es hier Elche gibt? Der Wildsau mit ihren Jungen möchte ich auch nicht begegnen. Meine Schritte werden immer schneller, ich bereue bitter, dass ich nicht die Signalpistole mitgenommen habe, wie Pappi es mir empfahl. Von vorne kommt ein Mann (klopf, klopf, klopf) es ist nur ein Walker, ein ganz sturer, der nicht mal grüßt. Wieder an Bord bin ich ganz schön außer Puste.

In Nida bekamen wir endlich eine Briefmarke. Morgen geht's weiter nach Norden.

Ganz liebe Grüße
Mammi

Mit den neun Gastlandflaggen
unter der Steuerbordsaling,
ergänzt durch die schöne
Stadtflagge Danzigs,
präsentierte sich die
ENKELSTERTEN
beim Absegeln 2001 des MiYC.


Mehr wäre auch nicht möglich
gewesen, denn es wurden alle Ostseeanrainer besucht!
 

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