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   Wintertörn
  

Eisfahrt in der winterlichen Ostsee

Ein Bericht von Claus Bischoff

Im Frühtau  zu Berge ! - aber zuerst Eis kratzen - es ist 07.45, Sonntag 23. Februar - um 10.00 Uhr soll ich in Lübeck auf einer Frachtfähre mit Ziel Hanko/Finnland einsteigen.  
Angeregt durch einen Fernsehbericht in der Sendung "Ostseereport" hatte ich durch eine befreundete Reederei aus Hamburg  Gelegenheit diese Reise zu unternehmen. Am Konstinkai in Lübeck liegt in strahlendem Sonnenschein und leichtem Frost die "Friedrich Russ", über die Heckrampe werden auf zwei Decks LKW-Trailer verladen. Ich beziehe die Eignerkammer, komfortabel mit Kirschholzmöbeln, Teppichboden, Duschbad, Fernseher und Stereoanlage ausgestattet. Der Steward "Eric" kocht einen starken Seemannskaffee und verkündet die Essenszeiten:  12.00 Uhr Mittagessen, 13.00 Uhr auslaufen, 17.30 Uhr Abendessen (Zeiten wie im Seniorenheim...) an Bord gilt finnische Zeit d.h. die Uhr muss eine Stunde vorgestellt werden, somit jetzt 11.30 Uhr Bordzeit.... oh, in 30 Minuten Mittagessen !!
Pünktlich wird abgelegt und mit ca. 7 Knoten geht es die Trave abwärts. Um 14.15Uhr passieren wir die "Passat", der Lotse geht von Bord und der Wachhabende legt den Hebel auf dem Tisch (vorbei sind die Zeiten von rasselnden, klingelnden Maschinentelegraphen) nach wenigen Minuten erreichen wir unsere Reisegeschwindigkeit von 21 Knoten. Vor uns ca. 30 Stunden Seefahrt über eine glatte, sonnige Ostsee. Ich habe zu jeder Zeit freien Zugang zur Brücke und freundschaftlichen Kontakt mit dem jeweiligen wachhabendem Offizier. Die Besatzung kommt aus Polen und verständlicher Weise dreht sich das Gespräch vorwiegend um die Konsequenzen für die polnische Bevölkerung nach dem EU Beitritt - die Erwartungen sind offensichtlich hoch.
Pünktlich 17.30 Uhr wird zum Abendessen in die Offiziersmesse gebeten. Den Abend verbringen wir auf der Brücke bzw. an Deck unter einem klaren, frostigen Sternenhimmel. Das eine oder andere Glas Rotwein verschönert den Abend und erleichtert das einschlafen.

Der Montag beginnt um 07.30 Uhr mit einem kräftigen Frühstück. Kurs Nordost 41 Grad, ETA Hanko ca. 17.30 Uhr. Außentemperatur minus 3 Grad C. Nebel gefriert an Reling und Aufbauten und überzieht das Schiff mit Zuckerguss. Der Aufenthalt an Deck bei 21 Knoten Geschwindigkeit ist unangenehm, die Kälte zieht sofort durch Mark und Bein. Auf der Brücke angenehme 20 Grad C - Eisfahrt im T-Shirt. Die Brücke ist rundum bis in die Nocken verglast und man hat eine hervorragende 360 Grad Rundumsicht. Um ca. 14.00 Uhr treffen wir querab Nordspitze Gotland auf die ersten großflächigen Treibeisfelder - ohne die Fahrt zu drosseln pflügt die "F.R." durch das Eis ("Panncakeice"). Die offenen Wasserflächen werden seltener, dennoch erreichen wir Hanko Tonne 1 pünktlich um 17.30 Uhr und nehmen den finnischen Lotsen an Bord. Im Hafen dichtes, gebrochenes Eis, anlegen längsseits am Kai nicht möglich da sich das Eis zwischen Kaimauer und Schiffsrumpf staut.. Hanko ist ein kleines, verschlafenes Nest, ohne Möglichkeiten für  "Vergnügungen" - eine 1-1/2-stündiger Spaziergang und Suche nach Kneipe /Geselligkeit endet erfolglos und eine weitere Flasche Rotwein aus Kapitänsbeständen wird auf der Kammer gelenzt. Ein paar Einzelheiten zum Schiff: die "Friedrich Russ" ist ein 154 Meter langes Ro/Ro-Schiff mit 7500 Tonnen Tragfähigkeit, 1999 bei der Werft J. Sietas in Hamburg-Neuenfelde gebaut. Heimathafen Hamburg aber Flagge Antigua + Barbuda, Eigner ist eine Einschiffsgesellschaft der Reederei Ernst Russ in Hamburg und das Schiff ist für 5 Jahre an die finnische Firma Transfennica, Helsinki verchartert. Besatzungsstärke 13 Mann (!) (keine Frauen in der Besatzung). An Bord von Lübeck waren 85 LKW-Trailer (max. Stellplätze 107).

Am Dienstag laden wir ca. 30 LKW's für Estland (Paldiski)) - eine Tagesreise von ca. 8 Stunden hin und zurück quer über den finnischen Meerbusen. Am Abend sollen wir wieder in Hanko sein um für Lübeck zu laden und dann  gegen 23.00 Uhr unsere Rückreise nach Deutschland anzutreten.
Die Vereisung des finnischen Meerbusens in diesem Teil ist als "stark" zu bezeichnen. Über UKW hören wir immer wieder Rufe von im Eis steckenden Schiffen. Ein in der Nähe befindlicher Eisbrecher antwortet auch, bedauert aber nicht helfen zu können, da er einen Konvoi mit 25 Schiffen aus St. Petersburg ins freie Wasser geleitet. An verschiedenen Stellen sehen wir Schiffe, die im Eis festsitzen und manchmal bis zu 48 Stunden auf Eisbrecherhilfe warten müssen.
Auch unser Schiff versucht einem holländischem Fracht von ca. 3.000 Tonnen Tragfähigkeit  zu befreien. Die "F.R." fährt mit ca. 14 Knoten scharf am Bug des Holländers vorbei um freies Wasser zu schaffen - aber vergeblich. Der holländische Kapitän berichtet über UKW sein Schiff bewege sich nicht einen Zentimeter. Unser Kapitän verspricht auf dem Rückweg von Paldiski in ca. 3 Stunden einen weiteren Versuch.
Paldiski ist ein kleiner Hafen, in der Ferne sind die typischen architektonischen Hinterlassenschaften der Sovietzeit zu erkennen (Plattenbauten) - auf Landgang wird verzichtet und die 2-stündige Liegezeit für ein Mittagsschläfchen genutzt. Auf der Rückfahrt versuchen wir erneut dem Holländer aus seiner misslichen Lage zu befreien und nach anfänglichem Erfolg bleibt er erneut nach ca. 1/2 Meile stecken - offensichtlich ist seine Maschine zu schwach für diese Eislage. Unser Schiff   " w ü h l t " sich mit enormen Getöse durch das Eis. Wir sichten Seehunde auf Eisschollen, auf einer Scholle auch ein frisch geborenes (wenige Minuten alt) Seehundbaby - der Frühling zeigt erste Spuren hier im hohen Norden.

In Hanko haben wir erneut Gelegenheit für einen ausgiebigen Spaziergang. Am Segelhafen (wo den sonst!) finden wir eine geöffnete Kneipe und somit Gelegenheit finnisches Bier zu testen. Nach zwei halben Litern stellen wir keinerlei Wirkung fest - als wenn wir Wasser getrunken hätten (€ 4,50 für den Halben - teures Wasser). Pünktlich um 23.00 Uhr laufen wir wieder aus. Der Wetterbericht verspricht eine sehr ruhige Reise.

Der Mittwoch - ein Tag auf See, leichter Frost, diesig, kaum eine Meile Sicht und windstill. Die Ostsee liegt spiegelglatt vor uns und ereignislos zieht das Schiff mit 20 Knoten Fahrt seine Kurslinie ins Wasser. Nur durch die Mahlzeiten unterbrochen verbringen wir den Tag lesend, schlafend und gelegentlichen Besuchen auf der Brücke um Kurs und Geschwindigkeit zu kontrollieren. Wir stellen fest, dass das Seemannsleben, auf See insbesondere, sehr eintönig ist. Der Wachhabende vertreibt sich die Zeit durch ständiges auf- und abgehen auf der Brücke (ca. 19 Meter jeder Weg), dabei schaut er auf dem Weg nach backbord auf seinen Radarschirm und auf dem Weg nach steuerbord auf Schornstein und Achterdeck.  

Pünktlich morgens 05.00 Uhr am Donnerstag sind wir wieder an der Lotsenstation in Travemünde und um 07.00Uhr fest am Konstinkai in Lübeck, einmal Finnland/Estland und zurück - eine schöne Reise, insbesondere war die Fahr durch das Eis ein unvergessliches Erlebnis. Dank an meinen holländischen Freund Thijs Brill bei der Reederei Ernst Russ in Hamburg, der mit diese Reise ermöglicht hat. (Thijs, gern hätten wir Deinem  Landsmann vor Paldiski geholfen (m.v. "Doggersbank")

Claus Bischoff
3. März 2003
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